Jimmy McCall – Seite 14

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Mein erster Schultag

Mein erster Schultag – St. Columba’s Römisch-Katholische Grundschule in Downfield-Kirkton – kurz vor meinem fünften Geburtstag, im April 1949: Die Schulleiterin hielt uns eine ausgiebige Einführungspredigt über das Schulleben, die Schulfächer, das Lehrerkollegium, aber hauptsächlich über die Grundschulregeln und was uns erwartete, falls wir uns nicht an diese hielten. Für uns jungen Köpfe schien dieser Wust an Informationen zu viel, sodass wir etwas konfus da saßen. Das einzig Gute, was wir aus dem Redefluss heraushören konnten, war der halbe Liter Milch, den wir täglich bekommen sollten.

Wir saßen nun gespannt da – unsere Schreibtische von etlichen Schülergenerationen schon verunstaltet – insgesamt vierunddreißig Schüler in Doppelbänken, und schauten uns die Gestalt an, die wie übrig geblieben dastand, als die Rektorin und ihre Begleitung hinausgegangen waren. Mein Gott, das sollte unsere Klassenlehrerin sein, dachte ich! Sie hatte ein altes verrunzeltes Gesicht, kräftige Backenknochen, eine kleine Stirn und trug eine billige, dunkel gerahmte Brille. Sie war dick und alles in allem – ziemlich hässlich. In Gedanken stellte ich sie mir als Hexe vor – nur der Besen und einige Warzen fehlten noch.

Ihre ersten Worte, als sie vorne auf und ab ging waren, „In meiner Klasse erwarte ich absoluten Gehorsam. Solltet ihr euch nicht daran halten, werdet ihr bestraft.?

Lähmende Angst und Stille überzog unsere Klasse, als die Lehrerin, finster dreinschauend, Reihe um Reihe hoch und runter lief, ihren Bambusstock zuckend in der Hand, bis sie auf einen Schüler aufmerksam wurde. Einen Jungen, den ich kannte, Andrew hieß er. Er zupfte gedankenverloren an seinem Hosenträger und ließ ihn wieder zurückschnappen – was in dieser Stille nicht zu überhören war. Sie zischte wie ein Blitz die Reihe hoch nach hinten. Ihr schwerer Tweedrock wirbelte herum und schlug an die nackten Beine mancher Schüler. Diese zogen ihre Beine schnell zurück. In manch einem Gesicht war der kurze Schmerz deutlich zu sehen. Sie näherte sich Andrew vom hinteren Teil des Klassenzimmers her. Ihr neuer Bambusstock ging hoch und knallte mit voller Wucht auf Andrews Tisch. Das Mädchen, das vor Andrew saß, wurde dabei nur um ein Haar verfehlt. Sie hatte sich blitzschnell nach vorne bewegt und hielt ihre Hände schützend um ihren Kopf.
„Du, Junge – wie heißt du?? schrie die Lehrerin.
„Andrew?, antwortete er.
„Andrew was??
„Andrew McPherson?, antwortete er frech.
„Miss Brown, wenn du mit mir sprichst. Es ist Miss Brown, oder Miss, und das sollte keiner von euch jemals vergessen?, schrie sie, während sich ihr Kopf in alle Richtungen drehte – und ihre boshaften Augen jeden Schüler zu erfassen schienen, während sie unsere Klasse ins Visier nahm.

Andrew saß regungslos da und starrte geradeaus – ein kleiner stolzer schottischer Junge, der nicht klein beigeben und schon gar nicht irgendwelche Schwächen oder Zeichen der Kapitulation zeigen würde. Ich war stolz auf ihn.

Miss Brown eilte weiter nach vorne, Richtung Tafel. Sie stoppte abrupt und drehte sich auf dem Absatz um, als sie das Zurückschnappen von Andrews Hosenträgern erneut zu hören bekam. Sie schrie durch das ganze Klassenzimmer:

„Ich habe dich gewarnt, McPherson. Mach dass du sofort hier nach vorne kommst, aber dalli – dalli.“ Ein Schwall Spucke schoss dabei aus ihrem Mund.

Andrew stand auf, grinste leicht und ließ seine Hosenträger nochmals zurückschnappen. Ich glaube es war nur ein nervöser Tick, den er hatte. Er lief nach vorne, bis er vor Miss Browns Schreibtisch stand. Miss Brown richtete sich auf und reckte den Kopf so weit sie konnte nach oben. Auf uns wirkte sie dadurch wie ein Riese – mit ihren 150 cm – ihre Wangen hatten jetzt die gleiche Farbe wie ihr rotes Haar. Ihre ganze Erscheinung und insbesondere die feurig roten Augen weckten in uns Heidenängste. Sie hielt den Bambusstock in ihrer rechten Hand und ließ ihn auf ihre linke Handfläche krachen.

„Nun, beug dich über meinen Schreibtisch Junge?, schrie sie, „und nimm deine Strafe entgegen.?

Andrew gehorchte. Einigen Schülern verschlug es den Atem, als Miss Brown seine Hosenträger und kurzen Hosen soweit herunterzog bis sie auf den Boden lagen – er hatte noch nicht mal Unterhosen an.
„Leg deine Arme über den Schreibtisch, aber ausgestreckt, Junge.“ Ärger unterstrich jedes Wort.
Wieder gehorchte Andrew.
Ich saß in der dritten Reihe auf der Schreibtischseite der Lehrerin und registrierte die plötzliche Angst in Andrews Gesicht. Spätestens jetzt wusste er, dass ihm etwas Schlimmes bevorstand.

Nachdem sie sein Hemd bis über die Schultern hochgeschoben hatte, zischte der Bambusstock auf Andrews nackten Hintern – wieder und wieder. Wir waren so dermaßen geschockt, dass wir das Zählen vergaßen. Einige der Mädchen fingen an zu heulen, andere schauten weg und diejenigen, die weiter zuschauten, sahen die bösen Spuren dieses Monsters von einer Lehrerin – lauter blutige Striemen. Andrew gab keinen Laut von sich – nur seine Tränen tropften auf den Schreibtisch. Schließlich gaben seine Beine nach und er sackte zusammen auf den Boden. Gott sei Dank klingelte in diesem Moment die Pausenglocke.

„Nun, worauf wartet ihr, eure Milch wird sauer?, schrie die Hexe mit zugekniffenen Augen und verzerrten Lippen – ihr Gesicht verriet dabei, wie sie gerade das größte Vergnügen gehabt hatte, diesen Fünfjährigen zu bestrafen.

Die Angst vor dieser Lehrerin hatte uns so gelähmt, dass keiner wagte sich als Erster nach draußen zu begeben.

„Ich werde bis zehn zählen und wenn ich dann noch einen von euch hier in diesem Klassenzimmer finde, wird mein Stock sich freuen eine neue Bekanntschaft zu machen – eins, zwei…“

Ich kann mich nicht erinnern, meinen ersten halben Liter Milch an diesem Morgen getrunken zu haben aus lauter Angst vor dieser Hexe, die mir noch in den Knochen saß.

Monate später erfuhr ich, dass Miss Brown den neuen Bambusstock ganz bewusst auf Andrews Schreibtisch geknallt hatte – damit sich die Spitzen des Bambusstocks aufteilten, denn es sind die Spitzen, die besonders blutige Striemen hinterlassen.

Mittagessen in der Schulkantine – eigentlich war es die umgeräumte Turnhalle – war eine richtige Schlemmermahlzeit für uns. Es gab gelbe Linsensuppe gefolgt von Hackfleisch und Kartoffelbrei.

Es war ziemlich leicht, die sozialen Unterschiede an diesem ersten Schultag festzustellen – man brauchte nur die Kleidung anzuschauen. Meine Haare waren glatt zur Seite gekämmt mit einem akkuraten Scheitel. Ich trug Kleidungsstücke, die ich von meinem Bruder Jack geerbt hatte und die Mum ursprünglich bei einem Heilsarmee-Wohltätigkeitsbasar ergattert hatte. Die Jacke und die kurzen Hosen waren geflickt, aber sauber und ich hatte vorne etwas Geknotetes unter dem Kragen meines übergroßen Hanfhemdes, was einer Krawatte ähnelte. Meine Schuhe hatten schon einige Vorbesitzer gesehen, und sie drückten an mehreren Stellen, da das Leder hart wie Stein war. Komischerweise war das einzig Neue, was ich anhatte, meine Socken – vielleicht weil Socken immer mein Hauptweihnachtsgeschenk waren.

Nach dem Mittagessen fühlte ich mich sehr müde, denn ich war solche Essensportionen nicht gewohnt. Ich glaube, ich war nicht der Einzige.

Wir waren sehr überrascht, als wir am Nachmittag mit einer freundlichen Lehrerin konfrontiert wurden. Sie stellte sich als unsere Englischlehrerin vor und schrieb ihren Namen auf die Tafel – Miss Elsbeth McGuire. Sie nahm dann jeden einzelnen Buchstaben mit einer einfachen Wortassoziation mit uns durch, denn etliche in der Klasse, wahrscheinlich die meisten, konnten weder lesen noch schreiben. Sie nahm hinter dem Lehrerpult Platz und trug in einer sehr netten Weise Folgendes vor:

„Kinder, ich werde euch jetzt eine Geschichte vorlesen, geschrieben von einer unserer Schülerinnen, die im letzten Jahr den Angus Landesschulwettbewerb in Aufsatz gewonnen hat. Wir sind besonders stolz auf diesen höchsten Landespreis, der unserer Schule zugefallen ist.?

Die nette Lehrerin und die Geschichte hielten mich so gebannt, dass ich mir schwor, eines Tages diesen Preis auch zu gewinnen.

Komisch, dachte ich, als wir am nächsten Morgen alle – auf die Ankunft der Hexe wartend – brav in unseren Bänken saßen. Wir waren sehr überrascht, als die Rektorin hereinkam und uns Folgendes vortrug:

„Aus unvorhergesehenen Umständen wird Miss Brown nicht mehr an unserer Schule unterrichten. Miss McGuire wird von nun an eure neue Klassenlehrerin sein. Diese erste Stunde werde ich übernehmen, bis wir den Stundenplan umorganisiert haben.?
Sie fing an, die Anwesenheitsliste durchzugehen – Andrew war nicht dabei.
Die Polizei erschien am Nachmittag und nahm sich jeden von unserer Klasse vor. Sie wollten von uns genau wissen, was Miss Brown mit Andrew gemacht hatte und was wir gesehen hatten. Ob wir Andrew näher kannten, wollten sie auch wissen. Ich verneinte letzteres – ich kannte ihn ja nur flüchtig.

Am nächsten Morgen erschien Andrew auch nicht. Ich fing an bei den älteren Jungs herumzufragen und war schockiert über das, was ich in Erfahrung brachte. Miss Brown hatte den falschen Jungen für ihre exemplarische Strafmaßnahme herausgesucht. Andrew war irischer Abstammung. Sein Großvater und viele seiner Onkel waren bei der IRA. Eine Gruppe schwarzgekleideter Männer hatte Miss Browns Zuhause aufgesucht…

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