Jimmy McCall – Seite 71

[note]Kinderlähmungs-Epidemie – Panik im Lande

Dad hatte uns in letzter Zeit immer wieder eindringlich gewarnt, sofort zu berichten, wenn wir eine Erkältung, Müdigkeit oder Schlaffheit in den Gliedern spürten. Er war sehr ernst dabei und sprach öfters mit Mum über irgendeine Epidemie. Es war an einem Samstagmorgen Ende September 1950. Ich war meistens schon vor den anderen auf. An diesem Morgen lag ich noch im Bett, als die anderen schon längst aufgestanden waren und konnte mich nicht mehr bewegen. Jack schüttelte mich. Ich versuchte zu stöhnen, ihm etwas zu sagen – es gelang mir nicht. Er rief: „Mum, Mum, komm schnell. Irgendetwas stimmt nicht mit Jimmy.? Mum kam die Treppe hochgerannt. Sie schaute mich an und fühlte meinen Kopf. „Du hast Fieber Jimmy.? Das war doch nicht alles dachte ich – ich kann noch nicht mal sprechen oder meine Arme und Beine bewegen und ich kriege fast keine Luft. Wieso fragt sie nicht, wie es mir geht oder spricht weiter mit mir? Wo ist Dad? Ach ja, er geht Samstag morgens immer arbeiten und kommt erst um zwei Uhr nach Hause. „Ich bring dir was zu trinken, Jimmy. Jack, Sheila – ihr bleibt Jimmy fern, kommt nicht mehr hierein, verstanden?? Sie ging zur Tür und scheuchte Jack und Sheila wieder aus dem Zimmer. Ein paar Minuten später kam sie wieder herein und stellte etwas zu trinken auf den Nachtisch. Ich dachte nur, wie soll ich da rankommen? Sie streichelte mich über den Kopf, murmelte etwas wie, „…müssen warten bis Dad heim kommt?, und ging wieder hinaus. Dad kam am Nachmittag heim. Ich hörte aufgeregte Stimmen unten und kurze Zeit später ging die Haustür wieder auf und zu. Eine Weile später hörte ich wie Dad wieder mit Mum im Flur sprach, bevor er die Treppen hochgestürmt kam – mindestens drei Stufen auf einmal nehmend. Er hatte ein Thermometer in der Hand. Er schob es mir unter die Zunge. Mum stand mittlerweile auch dabei. „Der Junge ist ja klitschnass, Do. Ziehen wir ihm einen frischen Pyjama an?, sagte Dad. „Dann muss er seinen alten anziehen. Das wäre nicht so gut?, meinte Mum. Dad schüttelte den Kopf, als er das Thermometer aus meinem Mund nahm. „Genau soviel wie sie es beschrieben haben?, sagte er besorgt. In dem Moment hämmerte jemand mit der Türklinke und danach mit der Faust gegen die Haustür. Dad eilte aus dem Zimmer und rannte die Treppen hinunter. Plötzlich war das Zimmer voll fremder Menschen. Sie tasteten und klopften mich überall ab und nickten. Ich, stolze sechseinhalb Jahre alt, wurde in einer Decke zum Krankenwagen ‚rausgetragen wie ein Säugling – angegafft von einer Menschenmenge, die sich schweigsam vor dem Haus versammelt hatte. Mum und Dad begleiteten mich hinaus. Mum weinte, als ich im Krankenwagen verschwand. Sie brachten mich in ein altes viktorianisches Krankenhaus, das vor langer Zeit hätte abgerissen werden sollen, aber für die vielen kleinen Opfer ideal war – völlig abgeschottet von der Außenwelt. Es herrschte eine Kinderlähmungs-Epidemie – wie ich erst viel später erfuhr. Das Schwimmbad wurde auch vorübergehend geschlossen. Ich wurde von einem Sanitäter ‚reingetragen und auf eine Bahre gelegt. Im Krankenhaus roch es sehr stark nach Desinfektionsmitteln. Eine nette Krankenschwester sprach mit mir, aber ich konnte ihr keine Antwort geben. Ich versuchte es. Sie merkte, was los war, und legte mir einen Finger auf die Lippen und lächelte. Die Krankenschwester wusch mein Gesicht und meine Hände. Ich bekam noch ein paar Decken über mich gelegt. Nach einer Weile muss ich wohl eingeschlafen sein. Ich wachte auf, als jemand die Decken wieder wegnahm. Ein Arzt stellte sich mir vor und begann mich zu untersuchen. Er machte ein paar Notizen auf einen Block und sprach leise mit der Krankenschwester. Ich wurde auf ein anderes Bett gelegt und in einen Krankensaal geschoben. Es war ein erdrückender Saal mit ungefähr vierzig Betten. Keiner hier interessierte sich für mich, den Neuankömmling. Ich dachte, als ich wieder einschlief – sie haben das Kopfkissen vergessen. Es war dunkel geworden, als mein Bett ‚rausgerollt und in ein anderes Zimmer gefahren wurde. Ich war noch ziemlich müde und fiebrig, aber der starke Geruch von Desinfektionsmitteln brannte sich in mein Gedächtnis. Ich registrierte einen Raum, ähnlich wie bei unserem Hausarzt. Zwei weitere Helfer begaben sich zu der Krankenschwester. Ich ahnte Schlimmes – dann ging alles sehr schnell. Wie gelähmt, ‚innerlich musste ich fast schmunzeln – ich war ja wirklich gelähmt‘, musste ich zulassen, wie mir mein Pyjama ausgezogen wurde und sie mich auf den Bauch drehten – zwei hielten mich fest. Ich erinnere mich noch heute an den stechenden Schmerz, als eine lange dicke Nadel in mein Rückenmark gejagt wurde – es sollte nicht die letzte Lumbalpunktion sein.

Zeitlos

Während der ersten Wochen war ich wie in Trance, ohne jegliches Gefühl für Zeit. Ich lag flach auf dem Rücken und registrierte eine gelbe, mit Stuckatur versehene Decke, an der der Stuck teilweise fehlte und an manchen Stellen auch schon die Farbe abblätterte. Meine Brille fehlte mir, es war alles etwas unscharf. Ich bekam Infusionen und immer wieder versuchten sie, mit mir zu sprechen. Mehrmals am Tag wurden meine Windeln gewechselt und zwei Mal am Tag wurde ich gewaschen und mit irgendeinem Öl oder einer Salbe eingerieben. Anfangs war ich sehr traurig, aber ich konnte nicht einmal weinen, ich spürte nur ein schwaches Ziehen in meinem Hals. Tränen vergießen, das konnte ich aber. Was mich aber unheimlich aufmunterte, waren die anderen Patienten – die schon weiter genesen waren. Ich konnte meinen Kopf nur nach links und rechts bewegen. Sie humpelten oder rollten im Rollstuhl an mein Bett und lasen mir Geschichten vor oder redeten einfach mit mir. Was mich am meisten störte, war das fehlende Kopfkissen. Ich schaute also die meiste Zeit an die Decke und wurde versetzt in eine irreale Welt. Ich träumte von einem unwirklichen Ozean und einem fremden Himmel, der sich ständig in seinen Farben änderte, aber immer in klumpigem gelbmassigem Vanillepudding endete. Manchmal war es, als wenn ich im Inneren eines großen Balls wäre und die Innenseite aus fleischigen Pickeln und Noppen bestand. Diese gaben eine klebrige Masse ab, die mich zu ersticken drohte. Ich wachte auf mit starken Schmerzen, innerlich schreiend, wie so oft nach diesem Traum. Es vergingen noch weitere Wochen. In dieser Zeit habe ich meine Sprache wieder gefunden. Vielleicht war es der Schock in den ersten Wochen, nachdem der Arzt gesagt hatte: „Wenn es so weiter geht, müssen wir ihn in die Eiserne Lunge legen.? Das erste was ich fragte war: „Kann ich bitte ein Kopfkissen bekommen?? Die Schwester meinte: „Kein Kopfkissen, Jimmy. Das muss so sein, damit dein Körper nicht krumm wird. Sonst müssen wir dir ein Ganzkörper-Gipskorsett anlegen, wie bei deiner Nachbarin Susan, zwei Betten rechts von dir.? Ich bekam jetzt festere Nahrung und freute mich wahnsinnig auf die Zwischenmahlzeit morgens gegen elf Uhr. Es gab immer ein Glas Milch, einen Keks, ein Achtel Sandwich, ein Achtel Apfel und am meisten freute ich mich, wenn es manchmal ein Schnittchen Apfelsine gab. Dort im Krankenhaus habe ich den Geschmack von Apfelsinen erst kennengelernt. Der Junge im ersten Bett rechts von mir war noch nicht auf den Beinen, als ich eingeliefert wurde. Jetzt humpelte er schon seit einigen Wochen herum und kümmerte sich rührend um mich und die anderen Kinder. Ich konnte meinen rechten Arm wieder bewegen und ab und zu – unter größter Anstrengung – mich leicht aufstützen und ihn beobachten, wenn er in der rechten Ecke des Saals seine Übungen im Laufgestell verrichtete. Der Junge, ich habe leider seinen Namen vergessen, erzählte mir dann eines Tages ganz aufgeregt, dass er bald heimgehen dürfe. Eine Hoffnung keimte in mir auf – vielleicht bekäme ich dann seinen Fensterplatz, dann könnte ich endlich meine Eltern und Geschwister wenigstens durchs Fenster wieder sehen. Die Schwester hatte bisher immer nur Nachrichten und Grüße übermittelt. Eine Woche vor Weihnachten war ich so stolz, denn ich konnte meinen rechten Arm und mein rechtes Bein im Bett wieder deutlich bewegen – links war nur ein leichtes Kribbeln. Ich bekam auch den begehrten Fensterplatz. In dem Bett rechts, auf der anderen Seite des Fensterplatzes, lag ein zwölfjähriges amerikanisches Mädchen. Beide Beine und Arme waren in Gips. Sie wurde zeitweise an einer Seilzugvorrichtung aufgehängt. Wir redeten viel miteinander – sie erzählte mir, dass ihre Eltern vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert waren und sie das erste Mal wieder zum Verwandtenbesuch in der alten Heimat weilten, wo sie dann erkrankte. Es war Boxing Day – der 26. Dezember 1950 – Weihnachten – meine Eltern und Geschwister erschienen am Fenster – sie zeigten mir die mitgebrachten Geschenke. Für einen Moment überkamen mich Glücksgefühle. Ich weiß nicht, ob es wegen der Geschenke war, oder weil ich sie zum ersten Mal wieder zu Gesicht bekommen hatte, seit ich im Krankenhaus lag. Sie blieben nicht lange, denn es war sehr anstrengend für mich, mit dem Kopf immer nach hinten zu gucken. Als sie weg waren, wartete ich ungeduldig auf meine Geschenke. Die Krankenschwester kam aber nicht mit meinen Geschenken. Das Abendessen wurde verteilt und immer hatte ich noch nichts bekommen. Als die Krankenschwester später bei meiner Bettnachbarin war, fragte ich sie wegen der Geschenke: „Tut mir leid Jimmy, deine Eltern hätten es besser wissen müssen, denn wir haben sie ausdrücklich informiert, dass es keine persönlichen Geschenke gibt. Alle Geschenke, ob Spielsachen, Kleider, Süßigkeiten oder Obst werden an alle Kinder verteilt, schließlich haben wir Notzeiten und viele der anderen Mitpatienten kommen aus sehr ärmlichen Verhältnissen – und es dürfen sowieso keine Sachen bei der Entlassung mit nach Hause genommen werden wegen der Ansteckungsgefahr.? Enttäuschungen bezüglich Geschenke war ich ohnehin gewohnt, insbesondere die, die ich durch meine Eltern erlebt hatte, also versuchte ich, die in Weihnachtspapier eingewickelten Pakete schnellstens wieder zu vergessen, was mir leider bis heute nicht gelungen ist. Die Bemerkung der Schwester über die Kinder aus ärmlichen Verhältnissen ließ mich nicht los. Ich grübelte lange darüber nach, bis mir klar wurde, was die Krankenschwester damit gemeint hatte. Es gab tatsächlich ganz arme Kinder, viele ärmer als wir es zu Hause waren, obwohl, wenn ich uns mit den anderen Kindern in unserer Straße verglich, gehörten wir eigentlich auch zu der eher ärmlichen Kategorie. Wahrscheinlich meinte die Krankenschwester, dass manche Kinder in unserem Krankensaal wirklich gar nichts hatten. Ich begriff, dass deren Armut aber überhaupt nichts mit Geiz zu tun hatte, wie es bei uns zu Hause leider der Fall war. Weitere Wochen und Monate vergingen. Mum kam mich öfters besuchen, meistens mit Sheila und Brian und manchmal mit den Nachbarstöchtern Paula und Mina. In all den Monaten im Krankenhaus kann ich mich nur an ein einziges Mal erinnern, Dad und Jack am Fenster gesehen zu haben. Mum hatte sich mit der Tante von Susan, meiner Bettnachbarin, angefreundet. Susans Mutter war schon längst wieder nach Amerika abgereist.

Anmerkung:
Mum hielt noch viele Jahre Briefkontakt mit Susans Mutter, auch nachdem wir Dundee schon längst verlassen hatten. Susan blieb an ihren Rollstuhl gefesselt, sie ist aber immer ein sehr positiver Mensch geblieben. Ich habe sie immer in guter Erinnerung behalten, denn sie hatte mir immer Mut gemacht und gab mir sehr viele positive Anstöße in meiner grauen Zeit. Ich denke, sie lebte meine Schmerzen, Misserfolge, aber auch Erfolge mit, als wären es ihre eigenen gewesen, wobei ich sie mit ihrem Gipskorsett und den traurigen Zukunftsaussichten auch nicht beneidete.[/note]