Jimmy McCall – Seite 55

[note]Oma Gallagher

Oma Gallagher residierte in ihrer Wohnküche. Sie saß mittendrin in einem großen Holzsessel. Sie war eine große Gestalt. Links in der Ecke war ein Bett, das in eine Wandnische eingelassen war. Ein großer schwarzer Kohlebeistellherd mit Messinggriffen, eine Anrichte und ein Schrank, nahmen die hintere Wand ein. Rechts vor einem Fenster, das einen teilweisen Blick über die Docks und den Fluss Clyde erlaubte, war ein großer Tisch, an dem Colin bereits saß. Das Zimmer stank stark nach Urin.

„Hallo Mum, ich bin es, Eileen. Ich habe Jimmy mitgebracht. Jimmy, geh und sage Oma Gallagher Guten Tag.?

Nichts ahnend ging ich zu der Gestalt mitten im Zimmer. Ich schaute beim Vorbeigehen kurz zu Colin hinüber. Das allererste Mal sah ich eine kleine Regung in seinem Gesicht. Ich stand jetzt vor Oma Gallagher und registrierte ihre kolossale Gestalt.

„Hallo, Oma Gallagher. Ich bin Jimmy, Jimmy McCall.?

Ich hatte gerade die ersten Silben ausgesprochen, als zwei große Hände auf mich zukamen und meinen Kopf umfassten. Sie fühlten meinen Hinterkopf, dann mein Schädeldach, meine Ohren, meine Stirn, meine Augenbrauen, meine Wangen, meine Nase, meine Lippen, mein Kinn und dann wanderten sie an meinem Oberkörper langsam hinunter und hielten an meinen Oberarmen inne.

„Ein hübscher Bursche bist du Jimmy, mein Junge, und starke Muskeln hast du für deine Größe. Wie alt bist du, mein Junge??

„Sechs Jahre, Oma Gallagher.?

„Na, hör sich doch einer diese Stimme an. Der Junge ist in Ordnung, Eileen. Hast du mir etwas mitgebracht??

Ich wollte gerade antworten, da sagte Tante Eileen:

„Wir haben dir etwas Eis mitgebracht, Mum. Etwas Eis wird deinem Zucker nicht schaden, oder doch??

„Her damit, Eileen, her damit?, rief Oma Gallagher.

Ich bekam dabei einen Schwall Spucke voll ins Gesicht und löste mich so schnell ich konnte aus ihrem Zangengriff. Ich ging ein paar Schritte rückwärts und wischte die Spucke mit meinem Hemdsärmel wieder weg. Ich ging zu Colin an den Tisch und fragte nach dem Badezimmer. Er grinste und deutete mit seiner Hand in Richtung hintere Tür. Ich fand das Badezimmer und wusch mein Gesicht mehrmals mit kaltem Wasser. Ich hatte immer noch die Visage dieser alten Frau vor Augen – die aufgeschwollenen Konturen – die Augen, blass und seltsam, wie die eines toten Fisches – eine lange Nase mit einigen Haaren an der Spitze – ein Kleid, das bis zum Boden fiel und darüber eine Kittelschürze, übersät mit Essensresten, und mit einem Gestank wie bei der Dundeekläranlage. Ich begab mich zurück ins Wohnzimmer und nahm am untersten Ende des großen Tisches Platz, weit weg von Oma Gallagher, und aß mein Eis. Der Tag hatte einen unerwarteten Ausgang genommen. Colin blickte mich mehrmals an. Ich ließ mir diese eklige Episode nicht anmerken, nicht vor ihm – auf keinen Fall, und außerdem, die alte Frau war seine Oma und Tante Eileens Mum. Plötzlich sprach Tante Eileen:

„Es ist erst zwei Uhr. Wollt ihr zwei ins Kino??

Ich schaute Colin an. Er zuckte mit den Achseln, es schien ihn alles zu langweilen. Ich antwortete:

„Ich war noch nie im Kino, Tante Eileen.?

„Na, dann wird’s aber Zeit. Los, esst euer Eis auf, dann können wir gehen. Wir nehmen deine Sachen mit, Jimmy.?

Eigentlich waren wir schon fertig, Tante Eileen war diejenige, die noch etwas Eis auf dem Teller hatte.

Ich wusste nicht, dass Tante Eileen in einem Kino arbeitete. Colin war ja nicht sehr gesprächig. Wir verließen Oma Gallaghers Wohnung und gingen die geweißelten Sandsteintreppen hinunter. Wir überquerten die Straße und steuerten direkt auf ein Süßwarengeschäft zu. Als ich hinter die Theke schaute, wusste ich warum. Da stand lächelnd meine Tante Margaret. Tante Eileen kaufte uns Süßigkeiten, die ich noch nicht kannte und meinte nachher, als wir draußen waren:

„Die sind bei Tante Margaret billiger als im Kino.?

Das BB-Cinema war gleich um die Ecke von Oma Gallaghers Wohnung. Wir gingen, ohne zu bezahlen, ins Kino hinein und marschierten gleich nach links in das Personalzimmer, Tante Eileen mit forschen Schritten voran. Meine Sachen verstauten wir in einem Schrank, den Tante Eileen dann mit einem Schlüssel, den sie aus der Tasche zog, abschloss.

„Ich bringe euch zu euren Plätzen, dann muss ich mich um Oma Gallagher kümmern?, sagte sie kurz. „Ich hole euch dann später wieder ab.?

Ich kann mich nicht an die zwei Filme erinnern, außer, das einer Schwarz-Weiß und der andere in Farbe war. Ich glaube, ich war viel zu fasziniert von der ungewohnten Umgebung, dem Sound, den Bonbons, etc., um mir auch noch das Filmgeschehen merken zu können.

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